Vor zehn Jahren war Command & Control out. Empathische Führung in. Heute? Zu weich. Zurück zu Klarheit und Struktur. Morgen? Wer weiß.

Und Führungskräfte stehen dazwischen – verunsichert, genervt, erschöpft – und fragen sich: „Was ist denn jetzt richtig?" Die Antwort ist: Beides. Und keins davon – immer.

Nach 20 Jahren Führungsverantwortung – als Vertriebsleiter, Vorstand, heute als Executive Coach – weiß ich: Die Frage ist nicht, welcher Führungsstil der richtige ist.

Die Dogmatisierung von Führung

Führung ist zur Ideologie geworden.

In den 90ern: „Führung heißt Kontrolle." Klare Hierarchien. Ansagen. Durchgriff.

In den 2000ern: „Führung heißt Empowerment." Coaching. Delegation. Vertrauen.

In den 2010ern: „Führung heißt Empathie." Emotionale Intelligenz. Psychological Safety. New Work.

Und jetzt, Mitte der 2020er? „Führung heißt wieder Klarheit." Weil zu viel Empathie zu Beliebigkeit geführt hat.

Das Pendel schwingt. Und mit jedem Schwung werden Führungskräfte verunsicherter.

Wirkliche Leader kämpfen nicht gegen Dogmen. Sie beherrschen das gesamte Spektrum.

Command & Control ist sinnvoll:

  • In Krisen (keine Zeit für Diskussion)

  • Bei klaren Prozessen (Sicherheit, Compliance)

  • Wenn Orientierung fehlt (neue Teams, unklare Rollen)

Empathie ist sinnvoll:

  • Bei Veränderung (Menschen brauchen Raum)

  • Bei Entwicklung (Lernen braucht Fehlertoleranz)

  • Wenn Vertrauen aufgebaut werden muss (neue Führungskraft, Teamkonflikt)

Aber es gibt noch eine Dimension, über die kaum jemand spricht: Ekpathie.

EMPATHIE, EKPATHIE UND DIE KUNST DER DISTANZ

Was ist Ekpathie?

Der Begriff stammt aus der antiken Rhetorik und wird heute in der Führungsforschung wiederentdeckt.

Empathie = Hineinfühlen. Sie spüren, was Ihr Gegenüber fühlt. Sie verstehen. Sie verbinden.

Ekpathie = Bewusst raustreten. Sie bleiben präsent, aber nicht verstrickt. Sie schaffen Distanz, um klar zu bleiben.

Warum Empathie allein nicht reicht

Ich sehe das täglich in meiner Arbeit: Führungskräfte, die sich in Empathie verlieren. Die jede Entscheidung durch den Filter „Wie fühlt sich mein Team damit?" treffen. Die Konflikte vermeiden, um Harmonie zu bewahren. Die am Ende erschöpft sind, weil sie die Emotionen ihres gesamten Teams tragen. Das ist keine Führung. Das ist emotionale Verstrickung.

Empathie ohne Ekpathie führt zu:

  • Entscheidungsunfähigkeit (weil jede Entscheidung jemanden verletzt)

  • Erschöpfung (weil Sie die Last aller tragen)

  • Beliebigkeit (weil Sie versuchen, es allen recht zu machen)

Warum Ekpathie keine Kälte ist

Ekpathie bedeutet nicht, sich nicht zu kümmern. Sie bedeutet, bewusst zu wählen, welche Distanz man schafft.

Beispiel aus meiner Vorstandszeit:

Ein Mitarbeiter kam zu mir, emotional aufgelöst. Sein Team war überfordert, die Deadlines unrealistisch, er selbst kurz vor dem Burnout.

Ich habe zugehört. Ich habe verstanden. (Empathie)

Aber ich habe die Deadline nicht verschoben. Weil das Projekt kritisch war. Weil das gesamte Unternehmen davon abhing.

Stattdessen habe ich Ressourcen umgeschichtet. Prioritäten neu gesetzt. Ihm geholfen, die Last anders zu verteilen.

Ich bin nicht in seine Emotion eingestiegen. (Ekpathie) Ich bin präsent geblieben – aber klar.

Die Balance: Empathie + Ekpathie

Wirkliche Leader beherrschen beides.

Sie gehen bewusst und begrenzt rein, wenn Verbindung gebraucht wird. Sie treten raus, wenn Klarheit gebraucht wird.

Und sie entscheiden nicht mit dem Kopf. Sie entscheiden mit dem Körper.

Ich kenne die Modelle. Hersey/Blanchard (Situational Leadership). Goleman (6 Führungsstile). Tuckman (Forming, Storming, Norming, Performing). Sie sind nützlich. Aber sie helfen nicht im Moment. Denn im Moment haben Sie keine Zeit, ein Framework durchzugehen. Im Moment entscheidet Ihr Nervensystem.

Wie Ihr Gehirn Situationen einschätzt

In den ersten 3 Sekunden eines Gesprächs passiert Folgendes:

Ihr limbisches System (der evolutionär älteste Teil Ihres Gehirns) scannt die Situation:

  • Ist diese Person offen oder verschlossen?

  • Ist hier Gefahr oder Sicherheit?

  • Braucht es Nähe oder Distanz?

Ihr präfrontaler Kortex (der rationale Teil) analysiert noch:

  • Was ist die beste Strategie?

  • Was würde XY jetzt tun?

  • Was sagt das Framework?

Das Problem: Bis Ihr Verstand eine Antwort hat, hat Ihr Körper längst reagiert.

Ihr Körper weiß, was die Situation braucht:

Empathie-Signal:

  • Sie spüren Weite in der Brust

  • Ihr Atem wird tiefer

  • Sie fühlen den Impuls, sich vorzulehnen

Ekpathie-Signal:

  • Sie spüren eine leichte Anspannung im Solarplexus

  • Ihr Atem wird flacher

  • Sie fühlen den Impuls, sich zurückzulehnen

Command & Control-Signal:

  • Sie spüren Klarheit im Kopf

  • Ihre Stimme wird fester

  • Sie fühlen den Impuls, zu strukturieren

Das ist keine Esoterik. Das ist, wie Ihr Nervensystem funktioniert. Situative Führung entsteht nicht durch Denken. Sie entsteht durch Spüren.

SITUATIVE FÜHRUNG IST KEINE TECHNIK – SIE IST REIFE

Situative Reife bedeutet:

  • Sie kennen Ihr gesamtes Spektrum. Sie können klar sein. Sie können empathisch sein. Sie können Distanz schaffen.

  • Sie erkennen, was die Situation braucht. Nicht was Sie bevorzugen. Nicht was gerade im Trend ist. Sondern was jetzt wirksam ist.

  • Sie sind bereit, aus Ihrer Komfortzone rauszugehen. Auch wenn es sich unbequem anfühlt.

Unreife Führung

  • Immer der gleiche Stil. Sie führen immer empathisch, weil Sie gemocht werden wollen. Oder immer klar, weil Sie Kontrolle brauchen. Das ist keine situative Führung. Das ist Komfortzone.

  • Dem Trend folgen. Sie führen empathisch, weil New Work gerade in ist. Oder klar, weil „Empathie zu Beliebigkeit führt". Das ist keine situative Führung. Das ist Dogma.

  • Dem Framework folgen. Sie analysieren die Situation nach Hersey/Blanchard. Sie wählen den „richtigen" Stil. Aber es fühlt sich falsch an. Das ist keine situative Führung. Das ist Theorie ohne Körper.

Die Frage, die alles verändert

Die Frage ist nicht: „Welcher Führungsstil ist der richtige?"

Die Frage ist: „Was braucht die Situation – und was brauche ich?"

Gehen Sie bewusst aus Ihrer Komfortzone raus

Wenn Sie immer empathisch sind: Üben Sie Klarheit. Wenn Sie immer klar sind: Üben Sie Empathie. Wenn Sie immer involviert sind: Üben Sie Ekpathie.

Nicht weil es „richtig" ist. Sondern weil Sie das gesamte Spektrum beherrschen müssen. Situative Reife entsteht nicht durch Theorie. Sie entsteht durch Reflexion.

Ich sehe täglich Führungskräfte, die verunsichert sind. Nicht weil sie schlecht führen. Sondern weil sie nicht mehr wissen, wie sie führen sollen. Weil das Pendel ständig schwingt. Weil jeder etwas anderes sagt. Weil Führung zur Glaubensfrage geworden ist.

Und ich sehe, wie erschöpfend das ist.

Nach 20 Jahren Führungsverantwortung – als Vertriebsleiter, Vorstand, heute als Coach – weiß ich: Es gibt keinen richtigen Führungsstil. Es gibt nur die richtige Entscheidung – im Moment. Und diese Entscheidung treffen Sie nicht mit dem Kopf. Sie treffen sie mit dem Körper.

Situative Führung ist keine Technik. Sie ist Reife.

MEIN FAZIT

  • Das Pendel wird weiter schwingen. Command & Control, Empathie, Klarheit – die Trends werden sich weiter ändern. Lassen Sie sich nicht verunsichern.

  • Situative Führung ist keine Technik – sie ist Reife. Sie müssen das gesamte Spektrum beherrschen: Command & Control, Empathie, Ekpathie. Und Sie müssen bereit sein, aus Ihrer Komfortzone rauszugehen.

  • Ihr Körper weiß, was die Situation braucht. Lernen Sie, die Signale zu lesen. Vertrauen Sie dem ersten Impuls. Treffen Sie Entscheidungen, die stimmig sind – nicht nur vertretbar.

Manchmal hilft ein Sparring. Ein Gespräch mit jemandem, der das gesamte Spektrum kennt. Der nicht sagt: „Machen Sie es so." Sondern fragt: „Was brauchen Sie und was braucht die Situation?"

Dr. Andreas Baum (Sympathico™) Klarheit. Entscheidungskraft. Wirkung. Ex-Vorstand | Executive Coach & Sparringspartner

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