Das Scheitern unserer Bundesligamannschaft verrät alles über unser Führungsproblem
Eine Szene. Ein Moment. Eine Wahrheit, die tiefer geht als Fußball.
Drei Bundestrainer. Drei verschiedene Ansätze. Ein identisches Scheitern.
Die Debatte über den nächsten Bundestrainer ist so falsch wie inspirierend. Falsch, weil sie von der eigentlichen Frage ablenkt. Inspirierend, weil sie zeigt, wie wir als Gesellschaft mit systemischen Problemen umgehen: Wir tauschen die Führungskraft aus und hoffen, dass sich das System von selbst ändert.
Aber wenn drei Führungskräfte mit unterschiedlichen Philosophien immer am selben Punkt scheitern, liegt die Ursache nicht in der Person, sondern im System.
Diese Erkenntnis ist unbequem. Denn sie bedeutet: Es reicht nicht, jemand Neues zu holen. Es braucht eine tiefgreifende Veränderung der Kultur, der Haltung, der Art, wie wir Verantwortung verstehen und entwickeln.
Als das Elfmeterschießen gegen Spanien in die Verlängerung ging, sah man Joshua Kimmich nach Schützen suchen.
Für mich war das der aufschlussreichste Moment dieses Ausscheidens.
Eine Spitzenmannschaft sucht in diesem Augenblick keine Freiwilligen. Sie hat Spieler, die den Ball verlangen. Die nach vorne gehen. Die sagen: „Gib mir die Verantwortung. Ich übernehme."
Was in diesem Moment fehlte, war nicht Talent. Es war nicht Technik. Es war nicht einmal Mut.
Was fehlte, war die tiefe, innere Gewissheit: „Mein Handeln bewirkt etwas. Ich bin bereit, die Verantwortung zu tragen – egal, was passiert."
Diese Gewissheit nennt man Selbstwirksamkeit. Und sie ist kein Zufall.
Verantwortung als Charakterfrage
Wir behandeln Verantwortungsübernahme oft als Charakterfrage. Als ob manche Menschen einfach „so sind" – mutig, entscheidungsfreudig, bereit, vorauszugehen – und andere eben nicht.
Das ist falsch.
Verantwortung ist keine Charakterfrage. Sie ist eine Kulturfrage.
Die Fähigkeit, unter größtem Druck handlungsfähig zu bleiben, wird über Jahre entwickelt. Wer als junge Führungskraft immer wieder lernt, schwierige Entscheidungen zu treffen, Fehler auszuhalten und trotzdem die nächste Herausforderung anzugehen, entwickelt genau das, was über die Größe einer Führungskraft entscheidet.
Wer Hänschen nie gelernt hat, wird Hans nicht plötzlich beherrschen.
Das gilt im Sport. Das gilt in der Wirtschaft. Das gilt in jeder Organisation.
Deutschland hat kein Talentproblem. Wir haben herausragend ausgebildete Fachleute in der Wirtschaft. Was fehlt, ist die Selbstverständlichkeit, im größten Moment Verantwortung zu übernehmen.
Warum?
Weil wir eine Unkultur der Beliebigkeit geschaffen haben. Wir wollen Weltklasse, aber ohne Druck. Außergewöhnliche Ergebnisse, aber ohne Verzicht. Persönlichen Gewinn, aber ohne Einsatz und Risiko.
Wir haben den Preis vergessen, den Spitzenleistung verlangt.
Und wir haben vergessen, dass dieser Preis nicht nur in harter Arbeit besteht, sondern vor allem in einer Haltung:
→ Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen
→ Bereitschaft, Fehler zu machen und daraus zu lernen
→ Bereitschaft, im entscheidenden Moment zu handeln – auch wenn es wehtut
Diese Haltung entsteht nicht von selbst. Sie muss entwickelt werden.
Nicht eine neue Führungskraft wird es richten. Nicht ein neues System. Sondern eine andere Haltung zu Verantwortung, Leistung und Anspruch.
Das bedeutet konkret:
1. Verantwortung systematisch entwickeln – nicht hoffen, dass sie entsteht
Organisationen, die Spitzenleistung wollen, müssen Verantwortungsübernahme trainieren. Nicht nur in Workshops. Sondern in echten Entscheidungssituationen. Früh. Regelmäßig. Mit Konsequenzen.
Praktisch heißt das:
- Junge Führungskräfte früh in echte Entscheidungen einbinden
- Fehler als Lernfeld nutzen, nicht als Karrierekiller
- Verantwortung sichtbar machen und würdigen
2. Leistung vor Status
Wer Führung will, bekommt sie. Wer sich wegduckt, sitzt draußen.
Keine Ausnahmen. Keine Sonderregelungen. Keine Rücksicht auf Titel, Seniorität oder vergangene Verdienste.
Das erfordert Mut:
- Leistungsträger fördern, auch wenn sie unbequem sind
- Statusdenker konfrontieren, auch wenn es wehtut
- Transparenz schaffen über das, was zählt
3. Kultur vor Strategie
Die beste Strategie scheitert, wenn die Kultur Verantwortung nicht trägt.
Wenn Fehler nicht ausgehalten werden. Wenn Druck als Bedrohung gilt, nicht als Chance.
Kultur entsteht durch:
- Vorleben, nicht durch Leitbilder
- Konsequenz, nicht durch Absichtserklärungen
- Alltag, nicht durch Events
4. Anspruch vor Harmonie
Spitzenleistung entsteht nicht in Wohlfühlzonen.
Sie entsteht dort, wo Menschen sich gegenseitig fordern, weil sie wissen: Wir wollen mehr als Mittelmaß.
Das bedeutet:
- Unbequeme Wahrheiten aussprechen
- Anspruch formulieren und einfordern
- Konflikte aushalten, wenn es um die Sache geht
5. Selbstwirksamkeit als Fundament
Menschen, die im entscheidenden Moment handlungsfähig bleiben, haben eines gemeinsam: Sie haben gelernt, dass ihr Handeln etwas bewirkt.
Sie haben Selbstwirksamkeit erlebt – und darauf aufgebaut.
Selbstwirksamkeit entsteht durch:
- Erfahrung, dass Entscheidungen Wirkung zeigen
- Vertrauen, dass Fehler Teil des Weges sind
- Bestätigung, dass Verantwortung sich lohnt
Es gibt eine Ebene, die in der Führungsdebatte oft fehlt: die spirituelle Dimension von Verantwortung.
Verantwortung ist mehr als eine Fähigkeit. Sie ist eine innere Haltung. Eine Verbindung zu dem, was größer ist als das eigene Ego.
In der keltischen Tradition, gibt es ein Wort dafür: Geis – die heilige Verpflichtung, die aus dem eigenen Wesenskern heraus entsteht. Nicht aus äußerem Druck. Nicht aus Pflicht. Sondern aus der tiefen Gewissheit: „Das ist mein Platz. Das ist meine Aufgabe. Ich bin bereit."
Diese Haltung kann man nicht erzwingen. Aber man kann den Raum schaffen, in dem sie entstehen kann.
Durch:
- Selbsterkenntnis: Wer bin ich wirklich – jenseits von Rollen und Erwartungen?
- Selbstführung: Wie steuere ich mich selbst – bewusst, klar, ausgerichtet?
- Selbstwirksamkeit: Wie erlebe ich, dass mein Handeln etwas bewirkt?
Dieser Dreiklang – Selbsterkenntnis, Selbstführung, Selbstwirksamkeit – ist das Fundament jeder echten Führung.
Die gute Nachricht ist: Das kann jeder für sich und sein direktes Umfeld gestalten.
Aber bitte ab sofort.
Nicht irgendwann. Nicht wenn die Krise größer wird. Nicht wenn der Schmerz unerträglich ist.
Jetzt.
Verantwortung beginnt:
- im Training
- in der Teamsitzung
- im Gespräch mit dem Mitarbeiter
- in der Entscheidung, die du heute triffst – oder vermeidest
Drei Fragen an dich
1. Wo in deiner Organisation wird Verantwortung dem Zufall überlassen – statt systematisch entwickelt?
2. Wo schützt du Status, obwohl Leistung fehlt?
3. Wo rufst du „weiter so", obwohl du längst weißt, dass es nicht reicht?
Die Antworten auf diese Fragen entscheiden über deine Zukunft und die deiner Organisation.
Was jetzt?
Wenn du spürst, dass in deiner Organisation oder in deinem Leben etwas nicht mehr passt. Wenn du Klarheit brauchst über das, was wirklich zählt. Wenn du Verantwortung übernehmen willst ohne dich zu verheizen.
Dann lass uns reden.
Als systemischer Business Coach begleite ich Führungskräfte dabei, Klarheit zu gewinnen, tragfähig zu entscheiden und konkret zu handeln. Mit 20 Jahren Führungserfahrung (u.a. C-Level) kenne ich die Herausforderungen von Verantwortung aus eigener Erfahrung.
Wissenschaftlich fundiert – spirituell verwurzelt.
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